Smart City: Wochenendeinkauf über WhatsApp

Wie könnte ein Städtetrip aussehen, wenn ein Chatbot mein persönlicher Guide in der Stadt ist? Warum das zum Greifen nah ist, erfährst du am Ende des Artikels.

Smart City Neustadt

Heute bin ich früh aufgestanden, denn ich will nach Neustadt reisen. Ein klassischer Städtetrip. Online habe ich gesehen, dass man in Neustadt eine neue Idee ausprobiert: den Neustadt Guide. Ein Chatbot, der mein persönlicher Guide in Neustadt sein soll. Klingt erstmal spannend, also auf nach Neustadt!

Am Bahnhof angekommen, vibriert mein Smartphone. Der Neustadt Guide hat erkannt, dass ich am Neustädter Hauptbahnhof angekommen bin und begrüßt mich mit einer ersten Nachricht:

Willkommen in Neustadt, Erik! Was hast du heute vor?”

Direkt darunter erscheinen Buttons, auf einem steht “Historischer Rundgang durch Neustadt”. Das klingt super! 

Digitale Führung als Einfallstor in die Stadt

Der Neustadt Guide navigiert mich vom Bahnhof durch die Innenstadt und hält mich an den spannendsten Orten an. Ich bekomme Quizfragen und kann kleine Rätsel lösen, danach erklärt mir der Guide in Audiodateien, was es mit diesen Sehenswürdigkeiten auf sich hat. Nebenbei kann ich Punkte für jede richtige Antwort sammeln und damit einen kleinen Gutschein für ein Stück Kuchen in Neustadt erspielen. 

Unterwegs entdecke ich viele interessante Orte, darunter auch ein Museum über die Neustädter Funktechnik des 20. Jahrhunderts – spannend! Der Neustadt Guide fragt mich, ob ich direkt ein Ticket und eine Führung für den Nachmittag buchen möchte. Auf jeden Fall möchte ich das. Aber wie ist das mit der Bezahlung? Kein Problem, denn mit dem Neustadt Guide kann ich direkt bezahlen. Einfach den QR-Code scannen und bestätigen.

Warum nicht im Messenger shoppen gehen?

Erschöpft und hungrig von der vielen Eindrücken, suche ich nach einem Café in der Nähe. Dazu antworte ich dem Neustadt Guide und schreibe ihm im Chat:

Wo ist das nächste Café?”

Der Guide schickt mir den Standort des nächsten Cafés in meiner Nähe und ergänzt, dass es hier auch vegane Angebote gibt und in der Regel um diese Zeit freie Sitzplätze vorhanden sind. 

Während ich hier im Café meinen erspielten Kuchen genieße, merke ich, dass ich gern noch bis morgen bleiben möchte. Es gibt einfach so viel zu entdecken. Ich schreibe meinem Neustadt Guide: “freie Hotelzimmer” und erhalte eine Auflistung der Hotels in Neustadt, die derzeit noch freie Zimmer haben. Ein paar kurze Chatnachrichten später, ist mein Zimmer gebucht, bezahlt und bereit für den Check-In. 

Ärgerlicherweise, habe ich für eine Übernachtung nicht gepackt. Doch auch dafür hat der Neustadt Guide eine Lösung. Ich finde alle lokalen Gewerbe finde ich direkt im Chat, inklusive angebundener Shopsysteme. Ich fülle meinen Warenkorb mit den nötigsten Dingen, um mich auch am nächsten Tag noch frisch zu fühlen. Während ich am Nachmittag ins Museum gehe, holt ein lokaler Fahrradkurier meine Einkäufe aus den Geschäften ab und liefert sie ins Hotel, wo sie in meinem Zimmer auf mich warten.

Smart Cities sind zum Greifen nah

Klingt das nach einer Utopie für dich? Wir sind bereits auf dem Stand der Technik, um alles daran umzusetzen. Intelligente Chatbots, die touristische Führungen, Gästebefragungen, Navigation, Shopping und Bürger*innenbeteiligung anbieten, können bereits jetzt so funktionieren, wie im Artikel beschrieben. 

An jedem Bahnhof könnten bereits jetzt QR-Codes hängen, mit denen Chatbots beispielsweise für WhatsApp, Telegram oder den Facebook-Messenger aufgerufen werden. Diese Chatbots könnten im Design der Stadt erstellte digitale Guides sein, die all diese Funktionen in einer vertrauten digitalen Umgebung bieten.

Was uns fehlt, ist eine Entscheidung dafür. Und der Mut, ein so großes Projekt anzugehen. Bist du der oder diejenige, die den Mut hat?

Was haben die Formel 1 und digitale Stadtführungen gemeinsam?

Warum die Zielgruppen unter 35 Jahren andere digitale Stadtführungen brauchen, als wir bisher gewohnt sind und warum ausgerechnet Chatbots dabei helfen können.

Vor Kurzem habe ich einen langjährigen Freund besucht, der mit der digitalen Welt weniger Berührungspunkte hat. Seine Heimat ist die analoge Welt, seine Hobbies finden in der Natur statt. Umso erstaunter war ich, als er mir von seiner neuen Leidenschaft erzählte: er schaut jetzt Let’s Plays* auf YouTube an. Genauer: Let’s Plays, in denen Formel 1 gefahren wird.

*Für diejenigen, die sich diese Welt noch nicht erschlossen haben: Let’s Plays sind Videos, in denen man anderen Menschen beim Spielen von Videospielen zu sieht. 

Nach meinem Besuch habe ich mich gefragt, warum ihm das gefällt. (Denn ich hab’s wirklich nicht kommen sehen.) Und dabei habe ich etwas Wesentliches über digitale Stadtführungen gelernt.

Mehr als nur Gedaddel 

Die Formel 1-Spiele sind weit mehr, als nur ein Autorennspiel. Sie sind seit Jahren zu Simulationen gereift. Diejenigen, die professionell spielen (ein riesiger Markt!), haben keinen klebrigen Controller in der Hand, sondern sitzen in nachgebauten Fahrzeugkabinen vor dem Bildschirm. Sie steuern das Spiel über Pedale und ein Lenkrad – der größte Unterschied liegt darin, dass sie die Wohnung für ihren Sport nicht verlassen müssen. 

Was reizt nun meinen guten Freund an diesen Let’s plays? Sie kombinieren zwei Dinge: sportlichen Wettkampf und Unterhaltung. Ich verstehe nichts von Formel 1. Alles was ich weiß ist, die Rennen dauern ewig, die Moderatoren sind langweilig und irgendwas mit Michael Schuhmacher. 

Analog trifft digital

Dieser Freund erlebt das anders. Für ihn sind das spannende Kopf-an-Kopf-Rennen, Fahrstrategien und technische Perfektion. Das größte Problem ist der geringe Unterhaltungswert auf langen Strecken. Der trockenen Sportmoderation fehlt es an Witz, Spontanität und Jugendlichkeit. Eine jüngere Zielgruppe braucht moderne Formate. Und ich rede hier nicht von Jugendlichen, sondern von allen Menschen unter 35 Jahren, die mit dem Internet groß wurden. Zumindest zu einem erheblichen Teil ihrer späten Jugend. 

Diese Zielgruppe sehnt sich nach unverbrauchter Unterhaltung. Und deshalb funktionieren diese Let’s Plays für diesen Freund von mir. Sie machen seinen Sport unterhaltsamer, ohne an Spannung zu verlieren. 

Noch einmal, weil es so wichtig ist:
Menschen unter 35 Jahren verlangen nach anderen Unterhaltungsangeboten. 

Digitale Stadtführungen müssen neu gedacht werden

Klassische Stadtführungen, in denen eine Sprecherin Informationstexte über Sehenswürdigkeiten vorliest, funktionierten früher gut. Doch die Zeiten haben sich geändert. Wir sind eine höhere Frequenz an Unterhaltung gewohnt. An schnellere, witzigere, abwechslungsreichere Angebote. 

Wir müssen Stadtführungen neu denken. Digitale Stadtführungen treffen die Bedürfnisse nach Unabhängigkeit und Flexibilität. Im nächsten Schritt müssen sie das Bedürfnis nach Unterhaltung erfüllen. Mit interaktiven Elementen ist das kein Problem mehr.

Gute Stadtführungen setzen bereits auf Quizfragen, Rätsel, Interaktionen mit der realen Welt und ganz vielfältige Wege, Informationen zu Sehenswürdigkeiten zu bieten. Darunter fallen neben Audionachrichten auch Videos, Animationen und 360°-Aufnahmen. 

Doch in der Regel haben digitale Stadtführungen eine Schwäche: sie sind kein Mensch. An den Stellen, wo wir einer Stadtführerin mal eben nebenbei eine Frage stellen können, müssen wir in digitalen Stadtführungen mit dem leben, was im Vorfeld programmiert wurde. 

Deshalb brauchen wir Chatbots für digitale Stadtführungen

Wir von der Blaue Dächer Digitalwerkstatt setzen deshalb auf Chatbots für digitale Stadtführungen. Die können nämlich alles, was eine gute Stadtführung braucht, und zusätzlich können sie noch flexibel auf Fragen antworten. Möglich macht das eine künstliche Intelligenz. Während der Stadtführung können dem Chatbot einfach Fragen gestellt werden, wie wir es alle gewohnt sind: per Chat. 

Dadurch kombinieren wir die Vorteile der neuen Unterhaltung mit der Flexibilität einer echten Person. 

Am Ende ist es genau das, was mein Freund in den Let’s Plays gefunden hat: Ein echtes Erlebnis, das durch den digitalen Raum erweitert wird. 

Darum brauchen digitale Stadtführungen eine Geschichte

Moderne Stadtführungen können mehr sein, als nur poppig erzählte Info’s zu diesem oder jenem Gebäude. Sie können uns auf eine Reise mitnehmen, auf der wir den Ort und seine Eigenarten selbst entdecken. In einer schnelllebigen Zeit, in der wir es gewohnt sind, immer unterhalten zu werden, müssen wir auch Stadtführungen neu denken. 

Menschen wollen Geschichten hören.

Menschen wollen Geschichten hören. Wir sind ständig umgeben von Geschichten. Kolleg*innen, die über gestern schimpfen, Fotos unserer besten Freunde, die von ihrem Urlaub schwärmen oder Werbeanzeigen, die oft kleine Kurzfilme sind.  Menschen wollen auf eine Reise mitgenommen werden. Und auch digitale Stadtführungen sollten wie eine Reise gedacht werden.

Es geht nicht darum, Stadtführungen als “Fast Food” aufzubereiten, das Nutzer*innen schnell nebenbei “wegsnacken” können. Im Gegenteil: durch eine mitreißende Geschichte vertiefen wir das Erlebnis, das Nutzer*innen während der digitalen Stadtführung haben. Wir ermöglichen ihnen, noch tiefer in das Stadtgefühl einzutauchen. Deshalb sind unsere digitalen Guides mehr, als nur eine Aneinanderreihung von Sehenswürdigkeiten. 

Eine gelungene Stadtführung braucht

  • einen Themenschwerpunkt als Aufhänger
  • eine authentische Figur, die die Stadt repräsentiert (dazu hier mehr)
  • eine Story, die sich als roter Faden durch die Stadtführung zieht
Worum soll es gehen?

Zuallererst sollten wir unseren Schwerpunkt wählen, der charakteristisch für den Ort ist. Das kann die Industriegeschichte der Stadt sein, die sich besonders gut anhand der Funktechnik erzählen lässt. Oder, wenn wir an eine Museumsführung denken, könnte es um die Darstellung von Bäumen in Gemälden der Renaissance gehen. Dieser Schwerpunkt mag auf den ersten Blick ziemlich speziell wirken. Es ist jedoch weniger wichtig, welcher Schwerpunkt gewählt wird. Wichtig ist, dass überhaupt einer gewählt wird. Der Fokus dient letztendlich als Aufhänger für alle weiteren Informationen, die über den Ort erzählt werden sollen. 

Beispiele für Themenschwerpunkte, die wir setzen können:
Für Stadtführungen:

  • Industrie- /Architekturgeschichte der Stadt
  • Jüdisches Leben in der Stadt
  • Stadt aus Sicht von Jugendlichen/Senioren/…
  • Leben einer historischen Person in der Stadt 

Für Naturorte, Zoos und Museen:

  • Kommunikationsverhalten von Primaten 
  • Paläontologische Perspektive 
  • Mit den Libellen entlang der Uferkante
  • Darstellung der Rollenbilder in den Gemälden der Epoche XY
Wer verkörpert das Thema?

Ist der Schwerpunkt gesetzt, wählen wir uns eine Figur, die das Thema verkörpert oder in besonderem Bezug zum Ort steht. Das könnte das Wappentier sein, wie beispielsweise in Potsdam Golm. Dort führt der Reiher als Wappentier durch den Ort.

Wir können eine historische Persönlichkeit aufgreifen, die in Verbindung zum Ort steht. Doch Achtung: Goethe, Schiller und Kaiser Friedrich sind schon ziemlich langweilig. Wir brauchen frische Gesichter, die in den letzten 70 Jahren Kulturgeschichte weniger abgenutzt wurden. 

Alternativ können wir auch eine fiktive oder reale Person wählen, die stellvertretend für die Zielgruppe steht. In der digitalen Stadtführung für das Jugendforum Naunhof haben wir die Jugendlichen als Figur gewählt. Sie führen andere junge Menschen auf Augenhöhe durch den Ort.

Wie wird daraus eine Geschichte?

Zu guter Letzt wollen wir die “Hand voll Perlen” vermeiden. Was das ist? Als Hand voll Perlen bezeichne ich die lose Aneinanderreihung von Sehenswürdigkeiten. Wenn wir den Ort wirklich in Szene setzen wollen, brauchen wir die Storyline – eine Geschichte, die sich wie ein roter Faden durch die digitale Stadtführung zieht. Dann wird aus den losen Perlen eine Kette. 

Diese Fragen bringen uns der Geschichte näher:

  • Auf welche Reise sollen  die Nutzer*innen mitgenommen werden?
  • Mit welchem Gefühl sollen die Nutzer*innen den Ort in Erinnerung behalten?

Viel zu häufig werden digitale Stadtführungen nur als technisches Problem betrachtet: man muss sie programmieren können. Doch in wirklich guten Stadtführungen steckt mehr. Wir alle wollen Geschichten hören – also sollten wir auch welche erzählen. 

Falls du jetzt Lust hast, deine Geschichte zu schreiben, dann mach einen Termin mit uns aus. 

Wer spricht da eigentlich mit mir? Jede digitale Stadtführung braucht einen Charakter

Digitale Stadtführungen brauchen einen Charakter

Was macht eine gute, herkömmliche Stadtführung aus? Für mich ist das vor allem die Person, die mit mir spricht. Ich schreibe ganz bewusst: die mit mir spricht. Denn gute Stadtführer*innen schaffen genau das. Es fühlt sich an, als ob sie direkt mit dir sprechen.

Betrachten wir das Gegenteil: Ein mäßig motivierter Stadtführer, der die Informationen zu den Sehenswürdigkeiten gebetsmühlenartig aufsagt. Ein solcher Stadtführer wirkt auf mich wie ein vertonter Wikipedia-Artikel. 

In digitalen Stadtführungen brauchen wir motivierte Guides.

Digitale Stadtführungen haben den großen Vorteil, dass Gäste ganz unabhängig von Terminen sind. Sie können wann immer sie wollen starten. Ohne auf die Stadtführerin zu warten, ohne auf die Gruppe zu warten. Sie können ihr Tempo selbst bestimmen. An spannenden Orten können sie länger stehen bleiben, an langweiligen Orten schnell weitergehen. 

Doch diese Vorzüge kommen oft zu einem hohen Preis: den Führungen fehlt es an Persönlichkeit. Wo eine Person aus Fleisch und Blut noch einen witzigen Kommentar hat, passiert in den meisten digitalen Führungen nichts. Viele dieser Führungen sind das Negativbeispiel einer Stadtführung – sie sind vertonte Wikipedia-Artikel. 

Auch digitale Stadtführungen brauchen Charakter.

Besonders ärgerlich für Gäste ist, dass es auch anders gehen würde. Es wird oft nur nicht die Zeit und Energie investiert. Und das hinterlässt einen faden Beigeschmack, der sich auch auf den Ort überträgt, in dem die Führung stattfindet. 

Eine digitale Stadtführung braucht einen Charakter. Doch was heißt das genau? In einer ganz analogen Führung würden wir zuerst überlegen, wer die Führung geben kann. Die Person muss sich mit den Inhalten auskennen – das ist klar. Am besten hat sie dann noch eine charmante Art zu sprechen. Die Informationen sollen lehrreich und unterhaltsam sein. 

Unsere digitalen Guides können wir ganz ähnlich auswählen. Wir sprechen hier von der Persona, die die Führung verkörpern soll. So eine Persona könnte eine historische Person sein, die in irgendeiner Weise mit dem Ort verbunden ist. Im Audioguide der Stadt Potsdam führt zum Beispiel Kaiser Friedrich die Besuchenden durch die Stadt. 

Der Vorteil ist, dass uns die Realität nicht einschränkt. Wenn es keine passende Person gibt, dann erschaffen wir eine!  In unserer Führung durch den Potsdamer Ortsteil Golm, haben wir uns für einen fiktiven Charakter entschieden. Unser digitaler Guide ist hier ein Reiher, Ronni der Reiher. Als Wappentier des Ortes, führt Ronni der Reiher durch das ehemalige Dorf.

Wann wird eine Persona glaubwürdig?

Es reicht noch nicht, der Führung nur ein Gesicht oder eine Stimme zu geben. Zu einer Persona gehört ein kleines Universum, das wir aufbauen. Welche Werte vertritt sie? Wie ist ihr Charakter? Ist sie eher überschwänglich oder sachlich und nüchtern? Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, wird aus der Persona eine glaubwürdige Figur.

Diese 5 Punkte machen eine Persona für digitale Guides glaubwürdig:

  • Sie muss sich natürlich in die Umgebung einfügen (ein Teil der Welt sein).
  • Sie braucht einen Charakter mit Eigenarten und eigener Wortwahl.
  • Sie braucht eine Stimme und ein Gesicht.
  • Sie muss intelligent genug sein, flexibel zu antworten (künstliche Intelligenz).
  • Sie muss gleichzeitig unterhaltsam und informativ sein.

Mit einer Persona haben wir die Chance, digitale Stadtführungen noch reizvoller zu gestalten. Der Ort bekommt eine Stimme und ein Gesicht, einen Charakter mit Erfahrung und Hoffnung. Als Entdeckende wollen wir in die Stadt eintauchen. Eine Persona ist der Schlüssel, um einen Ort lebendig zu erfahren. 

Wenn du mehr über über unsere Personas erfahren möchtest, abonniere unseren Newsletter. Dort schreiben wir regelmäßig über neue Stadtführungen und geben Einblicke hinter die Kulissen.

Was für digitale Stadtführungen gibt es eigentlich? – Ein Überblick

Eine Stadtführung gehört bei einem Städtetrip einfach dazu. Gerade bei jüngeren Besucher*innen sind digitale Stadtführungen besonders beliebt. Sie sind zu jeder Tageszeit verfügbar, können flexibel pausiert werden und können einen ganz persönlichen Bezug zur Stadt schaffen. Doch es gibt scheinbar unendlich viele verschiedene Angebote. Da ist es schwer, den Überblick zu behalten. 

Ich habe für dich die verschiedenen Arten digitaler Stadtführungen zusammengefasst. 

  1. Selbstgesteuerte Touren
    1. GPS-Touren mit markierten Orten
    2. Touren über QR-Codes 
    3. 360°-Panoramen
  2. Gelenkte Touren
    1. Touren zum Lesen, Hören und Schauen
    2. Digitale Guides

Selbstgesteuerte oder gelenkte digitale Stadtführungen

Grundlegend können wir zwischen selbstgesteuerten und gelenkten Führungen unterscheiden. Bei den selbstgesteuerten digitalen Stadtführungen können sich die Nutzerinnen und Nutzer frei in der Stadt bewegen. Sie erhalten dann an vorgegebenen Orten Informationen zu Sehenswürdigkeiten der Stadt. Die Reihenfolge, in der bestimmte Plätze erkundet werden, spielt hierbei keine Rolle.

GPS-Touren mit markierten Orten

Eine Möglichkeit dafür sind GPS-Touren. Bei diesen Führungen haben die Entdeckerinnen und Entdecker in der Regel eine App, in der auf einer Stadtkarte die Sehenwürdigkeiten markiert sind. Bei einigen Apps muss man sich dem Ort erst nähern, bevor die Informationen zum jeweiligen Ort verfügbar sind. GPS verbraucht allerdings sehr viel Akku, weshalb es auf längeren Touren schon mal passieren kann, dass ältere Handys den Geist aufgeben. 

Touren über QR-Codes

Eine Alternative zu Wegpunkten über GPS sind QR-Codes, die in der Stadt an bestimmten Plätzen platziert werden. Die Nutzer*innen scannen diese Codes mit ihrem Smartphone und erhalten daraufhin mehr Informationen zum Ort. Bei diesen Touren muss bedacht werden, dass die QR-Codes regelmäßig überprüft werden müssen. Da sie draußen an öffentlichen Plätzen angebracht werden, können sie auf viele Arten beschädigt werden.

360°-Touren

Man muss nicht immer das Haus verlassen, um eine noch unbekannte Stadt zu erkunden. Mit 360°-Panoramen können wir uns virtuell durch eine Stadt begeben – oder genau genommen klicken. Diese Touren sind toll, um einen ersten Eindruck von einer Stadt zu bekommen, bevor man sie besucht. Wie so etwas aussehen kann, kannst du dir bei unseren Kollegen von vr-easy ansehen: www.vr-easy.com.

Neben den selbstgesteuerten digitalen Stadtführungen, gibt es auch noch die gelenkten digitalen Stadtführungen. Hier ist die Reihenfolge der Orte festgelegt und die Entdeckerinnen werden von Punkt zu Punkt navigiert. 

Digitale Stadtführungen zum Lesen, Hören oder Schauen

Besonders häufig finden sich Touren, auf denen Nutzende Informationen zur Stadt hören können. In diesen Audioguides steht für jeden Platz eine Audiodatei zur Verfügung, die mehr über den Ort verrät, an dem wir uns gerade befinden. Alternativ dazu gibt es auch Führungen, die gänzlich auf Texte setzen. Das ist das digitale Pendant zu Informationstafeln in der Stadt. Etwas seltener sind Touren die ausschließlich mit Videos arbeiten. Häufig ist der Aufwand sehr groß, Videos zu jedem der Orte zu produzieren.

Interaktive digitale Stadtführungen

In diese Kategorie fallen auch unsere digitalen Guides. Interaktive digitale Stadtführungen zeichnen sich dadurch aus, dass die Nutzer*innen die Führung aktiv erleben. Im Falle unserer digitalen Guides passiert das, indem die Entdecker*innen mit einem Chatbot schreiben, der ihnen Fragen stellt, sie von Ort zu Ort navigiert und ihnen an bestimmten Plätzen Informationen bereitstellt. In diesen Stadtführungen können Infos in jeder möglichen Form gegeben werden: als Text, als Audio, als Video, Foto, 360°-Panorama und vieles mehr. 

Ich habe mir viele verschiedene digitale Stadtführungen angesehen und ausprobiert. Am Ende bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass eines für digitale Stadtführungen besonders wichtig ist: 

Als Nutzer möchte ich eine lebendige und abwechslungsreiche digitale Stadtführung, die gut aufbereitete Informationen mit genügend Kontext bietet.

Mit diesem Grundgedanken haben wir unsere digitalen Guides entwickelt. Wenn du mehr dazu erfahren möchtest, findest du hier mehr Informationen über unsere digitalen Guides.

Von A nach B

In diesem Zusammenhang wird gerne ein unübersetzbares Wort aus dem Hawaiianischen beschrieben. Akihi kann man wörtlich mit Vogel übersetzen. Es steht aber für das plötzliche Vergessen von Wegbeschreibungen, nachdem man losgelaufen ist. Wenn man in einer fremden Stadt nach dem Weg fragt, bekommt man häufig eine freundliche Wegbeschreibung. Trotzdem passiert es immer wieder, dass man nach wenigen Metern diese schon wieder vergessen hat und sich schon wieder lost fühlt – Akihi eben.

Das ist uns auch bei den Wegbeschreibungen für unsere digitalen Stadtführungen aufgefallen. Neben Online-Veranstaltungen beschäftigen wir uns auch mit digital Guides. Mit einem Chatbot kann man neue Orte erkunden und wird spielerisch auf Wissenswertes hingewiesen. Neben spannenden Interaktionen spielt auch die abwechslungsreiche und klare Gestaltung der Routenführung eine wichtige Rolle. Daher habe ich drei wichtige Tipps zusammengestellt, die die Beschreibungen verständlicher machen.

“Bitte biegen Sie in 300 Metern rechts ab”

Hoffentlich hattest Du direkt beim Lesen eine Stimme aus dem Auto Navi im Ohr. Bei den Angaben fällt es mir schwer einzuschätzen, wie viel 300 Meter sind. Und bis wo wurden diese überhaupt gemessen: der Anfang der Abbiegespur? die Mitte der Kreuzung? Wir versuchen daher in unseren digitalen Stadtführungen auf Streckenangaben zu verzichten und uns mehr auf Orte zu fokussieren.

Wo bist du?”

Es ist hilfreich bei längeren Beschreibungen immer wieder Checkpoints einzubauen, an denen man überprüfen kann, ob man bis zu diesem Punkt, den richtigen Weg gewählt hat. Wie in Computerspielen sind das Punkte, an die man gut zurückgehen kann, falls man sich doch mal verlaufen hat. So kann man auf das große Kaufhaus hinweise oder der Fluss erwähnen, den man überquert. 

“Dein links oder mein links”

Wir alle nehmen Orte unterschiedlich wahr. Das Beispiel ist natürlich offensichtlich. Aber jenachdem, wie (gut) wir die Stadt kennen, können wir unterschiedliche Orte als Referenzen nutzen. Für jemanden, der/die hier zur Schule gegangen ist, mögen die Schule und die Bushaltestelle offensichtliche Wegmarken sein. Eine andere Person, die bisher die Stadt nur mit dem Auto erkundet hat, kann mit diesen Punkten wenig anfangen, um sich zurechtzufinden. Je besser man einen Ort kennt, desto schwieriger kann es manchmal sein, einfache Wegbeschreibungen für Ortsfremde zu formulieren.

Es gibt noch viele andere Tipps beim Formulieren von Wegbeschreibungen. Es ist zum Beispiel wichtig, lebendig zu erzählen, sodass die Wegbeschreibung nicht trocken und langweilig wirkt. Alle Angaben sollten chronologisch in einfachen Sätzen aneinandergereiht werden. Mir fällt dieses Phänomen manchmal bei Rezepten auf: “Fügen Sie Stück für Stück die Milch hinzu, nachdem Sie alles zu einer einheitlichen Masse verrührt haben”. Was da zuerst passiert wird schnell unklar und es ist komplizierter im Rezept hin-und-her zu springen.

Und was hat das nun mit Online-Workshops zu tun?

Häufig werden auch externe Tools in Online-Workshops eingesetzt. Gemeinsam brainstormen wir an einem virtuellen Whiteboard oder füllen eine digitale Netzwerkwand. Auch hier sind kleinschrittige Beschreibungen des Vorgehens wichtig. Was passiert genau, wenn die Teilnehmenden auf den Link klicken? Müssen sie noch auswählen, dass sie als Gast das Board bearbeiten wollen? Wie sieht genau das Icon aus, um einen neuen Text hinzuzufügen? Diese digitale Wegbeschreibung klingt auf den ersten Blick selbstverständlich, wird aber aus unserer Erfahrung häufig schnell übergangen ohne alle Teilnehmenden mitzunehmen.

Welche Tipps hast du für Wegbeschreibungen? Und wie setzt du diese in online Workshops um? Eine Anleitung, die du vorab verschickt hast, ein Folie mit Screenshots oder eine mündliche Beschreibung? Schreib deine Tipps gerne in die Kommentare.

Warum wir digitale kritische Stadtführungen brauchen

Ich bin in Eberswalde aufgewachsen, eine Stadt im Nordosten von Brandenburg. Als wir unsere erste digitale Stadtführung, den Reiherbot, entwickelt hatten war mir klar: “Das will ich auch für Eberswalde machen!” Im Frühjahr 2021 war es dann soweit. Gemeinsam mit unseren Kollegen von vreasy und Gruß aus Berlin sollten wir ein historisches 360°-Panorama des Eberswalder Marktplatzes erstellen. Meine Rolle war es, die Inhalte zu recherchieren, aufzubereiten und in mitreißende Texte und Interaktionen zu formen.

Doch während des Schreiben kam ich in einen Konflikt. 

(Un-) kritische Stadtführungen

Eberswalde ist berühmt für seine Oberleitungsbusse, seine Spritzkuchen und die Eberswalder Würstchen. Eberswalde ist eine moderne Stadt im Einflussgebiet Berlins. Sie ist eine Studierendenstadt, eine Stadt der Kunst und der Natur. Über all das lässt sich wunderbar schreiben (im Ernst, habt mal ihr Spritzkuchen probiert? 🤤). Doch jede Stadtchronik hat auch ihre Makel. Kleine und große Verfehlungen und Fehlentscheidungen, über die wir reden müssen. Die wir aufarbeiten müssen. 

Ich habe mich in diesem Artikel ganz bewusst gegen ein Beispiel aus der NS-Vergangenheit, dem Kolonialismus oder anderen schrecklichen Kapitel unserer Geschichte entschieden. Diese Themen brauchen mehr Raum, als dieser Blogbeitrag bieten kann. Stattdessen möchte ich von einem kleineren Vorfall erzählen.

Das Marktplatz-Panorama in Eberswalde ist keine kritische Stadtführung. Doch es gehört zur Stadtgeschichte, dass beim Bau des Paul-Wunderlich Hauses archäologische Schätze wissend verschüttet und überbaut wurden. Die Archäolog*innen von damals beschreiben den Fund als einen der größten mittelalterlichen Funde der Region. Doch der Neubau war für die Stadt wichtiger und so bleiben bis heute wertvolle Ausgrabungsgegenstände verborgen, verwittern weiter und sind irgendwann verloren. 

Zu dieser Entscheidung trugen sicherlich viele Faktoren bei, die rückblickend und aus der Distanz nur schwer nachzuvollziehen sind. Darüber zu reden bleibt dennoch eine wichtige Aufgabe. Nur so lernen wir aus diesem Fehler.

Digitale Guides für kritische Stadtführungen

Mit kritischen Stadtführungen haben wir die Chance, auf einen Missstand aufmerksam zu  machen. Doch reicht es schon, nur Informationen bereit zu stellen? Viele kritische Stadtführungen setzen auf die direkte Interaktion zwischen Tourleiter*innen und Mitmachenden. Denn wir Menschen lernen erst so richtig, wenn wir mit einer Sache emotional in Berührung kommen.  

In einer digitalen kritischen Stadtführung ist es deshalb umso wichtiger, gehaltvolle und anregende Interaktionen zu bieten. Wenn es sich hierbei um Sprachnachrichten handelt, ist das schon ein Schritt in die richtige Richtung. Unser Gehirn merkt sich von auditiven Reizen mehr, als würden wir “nur” Infotexte lesen. Um jedoch wirklich was mitzunehmen, zu reflektieren und zu verinnerlichen, braucht es mehr. Dafür müssen wir einen aktiven Prozess anstoßen. 

Wir brauchen interaktive Elemente, die zuerst die Teilnehmenden denken lassen, bevor sie Informationen erhalten. Schon allein eine Schätzfrage zu Beginn eines Info-Blocks erhöht die Chance deutlich, dass sich die Mitmachenden mehr merken. Auch ein einfaches Quiz kann diesen Effekt erzielen. 

In Eberswalde wird die verlorene Ausgrabung mit der Frage gestartet, was für ein Schatz sich unter diesem Gebäude wohl verbirgt. Der Aufhänger ist dann eine Schachfigur aus Bernstein, die einen einmaligen Fund darstellt und stellvertretend für all die unentdeckten Gegenstände steht. 

Kritische Führungen müssen Massenware werden

Am Ende ist und bleibt die wichtigste Methode zum Lernen die Wiederholung. Was wir immer und immer wieder sehen oder hören, wird Teil unseres Gedächtnisses und damit Teil unseres Verständnisses der Welt. 

Angebote, die sich kritisch mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beschäftigen, müssen noch häufiger und präsenter werden. Eine digitale kritische Stadtführung ermöglicht allen, ihre Tour zu jeder Tageszeit und vollkommen selbstbestimmt zu starten. 

Sie ist unabhängig von Terminen und Gruppengrößen, in beliebige Sprachen übersetzbar und durch unzählige verschiedene Medien erweiterbar. Bilder, Videos, Links zu Webseiten, Sprachnachrichten, Quizzes und Schätzfragen – die Informationen können vielfältig präsentiert werden und so zum Mitdenken anregen. 

Je mehr Menschen einen niederschwelligen und motivierenden Zugang zu diesen Themen finden, desto bewusster werden wir uns als Gesellschaft unserer Vergangenheit. Ein erster Schritt zur Aufarbeitung. 

Wenn du auch der Meinung bist, dass kritische Führungen viel häufiger vorkommen sollten, dann abonniere unseren Newsletter. Wir schreiben regelmäßig über unsere Projekte und stellen neue Routen vor, die sich kritisch mit Orten auseinandersetzen.