Warum wir digitale kritische Stadtführungen brauchen

Ich bin in Eberswalde aufgewachsen, eine Stadt im Nordosten von Brandenburg. Als wir unsere erste digitale Stadtführung, den Reiherbot, entwickelt hatten war mir klar: “Das will ich auch für Eberswalde machen!” Im Frühjahr 2021 war es dann soweit. Gemeinsam mit unseren Kollegen von vreasy und Gruß aus Berlin sollten wir ein historisches 360°-Panorama des Eberswalder Marktplatzes erstellen. Meine Rolle war es, die Inhalte zu recherchieren, aufzubereiten und in mitreißende Texte und Interaktionen zu formen.

Doch während des Schreiben kam ich in einen Konflikt. 

(Un-) kritische Stadtführungen

Eberswalde ist berühmt für seine Oberleitungsbusse, seine Spritzkuchen und die Eberswalder Würstchen. Eberswalde ist eine moderne Stadt im Einflussgebiet Berlins. Sie ist eine Studierendenstadt, eine Stadt der Kunst und der Natur. Über all das lässt sich wunderbar schreiben (im Ernst, habt mal ihr Spritzkuchen probiert? 🤤). Doch jede Stadtchronik hat auch ihre Makel. Kleine und große Verfehlungen und Fehlentscheidungen, über die wir reden müssen. Die wir aufarbeiten müssen. 

Ich habe mich in diesem Artikel ganz bewusst gegen ein Beispiel aus der NS-Vergangenheit, dem Kolonialismus oder anderen schrecklichen Kapitel unserer Geschichte entschieden. Diese Themen brauchen mehr Raum, als dieser Blogbeitrag bieten kann. Stattdessen möchte ich von einem kleineren Vorfall erzählen.

Das Marktplatz-Panorama in Eberswalde ist keine kritische Stadtführung. Doch es gehört zur Stadtgeschichte, dass beim Bau des Paul-Wunderlich Hauses archäologische Schätze wissend verschüttet und überbaut wurden. Die Archäolog*innen von damals beschreiben den Fund als einen der größten mittelalterlichen Funde der Region. Doch der Neubau war für die Stadt wichtiger und so bleiben bis heute wertvolle Ausgrabungsgegenstände verborgen, verwittern weiter und sind irgendwann verloren. 

Zu dieser Entscheidung trugen sicherlich viele Faktoren bei, die rückblickend und aus der Distanz nur schwer nachzuvollziehen sind. Darüber zu reden bleibt dennoch eine wichtige Aufgabe. Nur so lernen wir aus diesem Fehler.

Digitale Guides für kritische Stadtführungen

Mit kritischen Stadtführungen haben wir die Chance, auf einen Missstand aufmerksam zu  machen. Doch reicht es schon, nur Informationen bereit zu stellen? Viele kritische Stadtführungen setzen auf die direkte Interaktion zwischen Tourleiter*innen und Mitmachenden. Denn wir Menschen lernen erst so richtig, wenn wir mit einer Sache emotional in Berührung kommen.  

In einer digitalen kritischen Stadtführung ist es deshalb umso wichtiger, gehaltvolle und anregende Interaktionen zu bieten. Wenn es sich hierbei um Sprachnachrichten handelt, ist das schon ein Schritt in die richtige Richtung. Unser Gehirn merkt sich von auditiven Reizen mehr, als würden wir “nur” Infotexte lesen. Um jedoch wirklich was mitzunehmen, zu reflektieren und zu verinnerlichen, braucht es mehr. Dafür müssen wir einen aktiven Prozess anstoßen. 

Wir brauchen interaktive Elemente, die zuerst die Teilnehmenden denken lassen, bevor sie Informationen erhalten. Schon allein eine Schätzfrage zu Beginn eines Info-Blocks erhöht die Chance deutlich, dass sich die Mitmachenden mehr merken. Auch ein einfaches Quiz kann diesen Effekt erzielen. 

In Eberswalde wird die verlorene Ausgrabung mit der Frage gestartet, was für ein Schatz sich unter diesem Gebäude wohl verbirgt. Der Aufhänger ist dann eine Schachfigur aus Bernstein, die einen einmaligen Fund darstellt und stellvertretend für all die unentdeckten Gegenstände steht. 

Kritische Führungen müssen Massenware werden

Am Ende ist und bleibt die wichtigste Methode zum Lernen die Wiederholung. Was wir immer und immer wieder sehen oder hören, wird Teil unseres Gedächtnisses und damit Teil unseres Verständnisses der Welt. 

Angebote, die sich kritisch mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beschäftigen, müssen noch häufiger und präsenter werden. Eine digitale kritische Stadtführung ermöglicht allen, ihre Tour zu jeder Tageszeit und vollkommen selbstbestimmt zu starten. 

Sie ist unabhängig von Terminen und Gruppengrößen, in beliebige Sprachen übersetzbar und durch unzählige verschiedene Medien erweiterbar. Bilder, Videos, Links zu Webseiten, Sprachnachrichten, Quizzes und Schätzfragen – die Informationen können vielfältig präsentiert werden und so zum Mitdenken anregen. 

Je mehr Menschen einen niederschwelligen und motivierenden Zugang zu diesen Themen finden, desto bewusster werden wir uns als Gesellschaft unserer Vergangenheit. Ein erster Schritt zur Aufarbeitung. 

Wenn du auch der Meinung bist, dass kritische Führungen viel häufiger vorkommen sollten, dann abonniere unseren Newsletter. Wir schreiben regelmäßig über unsere Projekte und stellen neue Routen vor, die sich kritisch mit Orten auseinandersetzen.

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